3. KAMMERKONZERT
Joseph Haydn (1732–1809)
Divertimento Nr. 113 D-Dur für Violoncello, Viola und Kontrabass Hob: XI 113
Ferenc Farkas (1905–2000)
Alte Ungarische Tänze aus dem 17. Jahrhundert für Bläserquintett
Louis Spohr (1784–1859)
Nonett F-Dur für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass op. 31
Joseph Haydn komponierte das Divertimento Nr. 113 in D-Dur während seiner Zeit als Kapellmeister und Komponist im Dienst der Fürsten Esterházy. In dieser Funktion war er verpflichtet, regelmäßig neue Werke für die musikalischen Bedürfnisse des Hofes bereitzustellen. Das Divertimento gehört zu einer umfangreichen Gruppe von Kompositionen für Baryton-Trio, die in den 1760er- und frühen 1770er-Jahren entstanden. Anlass war das ausgeprägte Interesse von Fürst Nikolaus I. Esterházy am Baryton, einem heute kaum noch gespielten Streichinstrument.
Die Triobesetzung für Baryton, Viola und Violoncello war spezifisch auf die Situation am Esterházy-Hof zugeschnitten, da der Fürst selbst das Baryton spielte. Das Instrument gehört zur Familie der Gamben und verfügt neben den gestrichenen Melodiesaiten über zusätzliche Resonanz- und Zupfsaiten auf der Rückseite des Halses. Dadurch erweitert sich sein klangliches Spektrum gegenüber der Viola da gamba und dem Violoncello erheblich. Die technische Komplexität des Instruments führte jedoch dazu, dass es außerhalb eines engen höfischen Umfelds kaum Verbreitung fand.
Haydn schrieb mehr als 120 Werke für diese Besetzung, die meist als Divertimento oder Trio betitelt wurden. Das Divertimento Nr. 113 ist Teil dieser Serie und spiegelt die funktionale Einbindung der Musik in den höfischen Alltag wider. Die Stücke dienten vor allem der privaten Unterhaltung und dem gemeinsamen Musizieren im kleinen Kreis, nicht der öffentlichen Konzertpraxis.
Entsprechend übernimmt das Baryton in der Regel die führende Rolle – eine Konstellation, die der Stellung des Fürsten als Ausführendem entsprach. Den beiden anderen Instrumenten ist daher eine eher stützende und begleitende Funktion zugedacht. Die musikalische Vielfalt und große Farbigkeit zeigt einmal mehr Haydns große Begabung, auch unter funktionalen und praktischen Vorgaben im Sinne einer Gebrauchsmusik inspirierende Kammermusikwerke zu schaffen. Gleichzeitig dokumentieren sie ein besonderes Kapitel der Instrumentengeschichte, da das Repertoire für Baryton fast ausschließlich Haydns Schaffen zu verdanken ist.
In der heutigen Aufführungspraxis stellt sich häufig die Frage nach einer praktikablen Alternative zum Baryton, da das Instrument nur selten verfügbar ist und spezielles spieltechnisches Wissen erfordert. Eine verbreitete Lösung besteht darin, die Barytonstimme auf ein Violoncello zu übertragen. Da Umfang und Stimmung der gestrichenen Saiten weitgehend übereinstimmen, ist dies grundsätzlich möglich, auch wenn bestimmte klangliche Effekte des Barytons dabei naturgemäß verloren gehen. Die Solisten des Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters haben sich entschieden, nicht nur die Barytonpartie dem Violoncello zu übergeben, sondern zudem für eine ausgewogene Farbigkeit die eigentliche Violoncello-Stimme einem Kontrabass zu übertragen, eine wunderbare Möglichkeit, das Werk spielen zu können.
Ferenc Farkas’ „Alte ungarische Tänze aus dem 17. Jahrhundert“ entstanden 1959 als Bearbeitung und stilistische Neugestaltung historischer Tanzmelodien. Als Quellen dienten überlieferte Instrumentalstücke des 17. Jahrhunderts aus dem Gebiet des damaligen Oberungarn und Siebenbürgen. Aus diesem Material stellte Farkas eine Suite zusammen, die mehrere charakteristische Melodien miteinander verbindet.
Obwohl sich der Komponist eng an den historischen Vorlagen orientiert, übernimmt er nicht deren originale Satztechnik. Stattdessen unterlegt er die Melodien mit einer klaren, transparenten Harmonik des 20. Jahrhunderts, wobei die modale Prägung und rhythmische Eigenart der Melodien deutlich erkennbar bleibt.
Die Suite vereint mehrere kontrastierende Tanztypen, die unterschiedliche metrische und rhythmische Modelle des 17. Jahrhunderts repräsentieren. Charakteristisch sind ungerade Taktarten, markante Punktierungen und eine klare Gliederung in kurze, prägnante Abschnitte.
Einer Einleitung und einem langsamen Lassú – so auch die Bezeichnung für die ruhigen Abschnitte des späteren Csárdás – folgt der Lapockás Tánc. Zeitgenössische Quellen beschreiben ihn als spielerischen Verfolgungstanz, der besonders an transsilvanischen Adelshöfen verbreitet war: Männer und Frauen bewegen sich im Kreis, während sich ein Paar in der Mitte befindet. Außerhalb des Kreises jagt eine Person mit einem Lapockás, einer Art Holzklatsche, einen der Tanzenden. Wer getroffen wird, übernimmt die Rolle des Verfolgers, während der bisherige Jäger in die Mitte tritt und einen Partner ablöst.
Der siebenbürgische Autor Péter Apor erwähnt diesen Tanz bereits 1736 in seiner Schrift „Metamorphosis Transylvaniae“ als Variante der Kontratänze, jener seit dem 17. Jahrhundert überaus beliebten und in Europa weit verbreiteten gesellschaftlichen Gruppentänze. Ursprünglich in England entstanden, verbreiteten sie sich rasch über Frankreich in zahlreiche weitere Länder, wo sie jeweils eigene Ausprägungen entwickelten. Charakteristisch ist die Aufstellung der Tanzenden in einander gegenüberstehenden Reihen oder Paaren, deren Figuren aus festgelegten Schrittfolgen, Platz- und Partnerwechseln bestehen.
Chorea, was so viel wie Tanz bedeutet, diente oftmals auch als generelle Bezeichnung für Reigentänze. Den Abschluss der Suite bildet der Ugrós, ein lebhafter Springtanz, dessen Wurzeln bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurückreichen. Mit seiner kraftvollen Bewegungssprache, rhythmischen Prägnanz und virtuosen Fußarbeit bewahrt er einen archaischeren Charakter gegenüber später entstandenen Tanztypen wie dem Verbunkos oder Csárdás.
Farkas schuf mit seiner Tanzsuite kein folkloristisches Arrangement, sondern eine stilisierte Annäherung an die historische Überlieferung. Das Werk steht für eine sachliche, formbewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und für die Verbindung barocker Anmutung mit der kompositorischen Klarheit des 20. Jahrhunderts.
Der in Braunschweig geborene Louis Spohr war einer der prägenden Musiker der Frühromantik. Als Geiger von außergewöhnlicher Virtuosität galt er als der einzige ernsthafte Konkurrent von Niccolò Paganini. Neben seiner herausragenden Geigenkunst wirkte Spohr auch als Dirigent und Komponist und hinterließ einen nachhaltigen Einfluss auf das Musikleben des frühen 19. Jahrhunderts. Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms bewunderten seine Kammermusik, seine Oper FAUST gilt als die erste romantische Oper überhaupt, und als Kapellmeister gehörte er zu den ersten, die mit dem Taktstock dirigierten.
Zu seinen bedeutendsten kammermusikalischen Werken zählt das 1813 entstandene Nonett, das als Blaupause für diese eigenständige Gattung gilt. Die Besetzung lässt sich als Verbindung eines Streichquartetts mit einem Holzbläserquintett verstehen, wobei das Horn – obwohl eigentlich ein Blechblasinstrument – klanglich eng mit den Holzbläsern verschmilzt. Diese Kombination eröffnet ein breites Klangspektrum zwischen kammermusikalischer Transparenz und beinahe orchestraler Fülle. Charakteristisch für das Werk ist die konsequente Gleichberechtigung aller neun Stimmen. Die Bläser treten nicht als bloße klangliche Erweiterung des Streichquartetts hinzu, sondern übernehmen tragende thematische Aufgaben. So entsteht eine dialogisch angelegte musikalische Struktur, in der motivische Arbeit, differenzierte Klangabstufungen und eine sorgfältig austarierte Balance der Instrumente miteinander verbunden sind. Formale Klarheit und strukturelle Geschlossenheit erinnern an das Divertimento der Wiener Klassik, während die weitgespannte Melodik, warme Klanglichkeit und gesteigerte Ausdruckskraft bereits deutlich in die Klangwelt der Frühromantik weisen.
Susanne von Tobien
Besetzung
Mit
Termine
19.30 Uhr
11.15 Uhr