5. KAMMERKONZERT
Gideon Klein (1919–1945)
Streichtrio für Violine, Viola und Violoncello (1944)
Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)
Quintett Es-Dur für Horn, Violine, zwei Bratschen und Violoncello KV 407
In Flensburg, Schleswig und Rendsburg:
Dora Pejačević (1885–1923)
Trio C-Dur für Klavier, Violine und Violoncello op. 29
In Wesselburen:
Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Serenade D-Dur für Violine, Viola und Violoncello op. 8
Theresienstadt, die von Kaiser Joseph II. gegründete und nach Maria Theresia benannte Festungsstadt, wurde während der nationalsozialistischen Herrschaft zum größten jüdischen Ghetto auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens. Die Nationalsozialisten instrumentalisierten den Ort als propagandistisches „Vorzeigeghetto“, um die Realität von Verfolgung, Deportation und Vernichtung zu verschleiern. Zugleich entwickelte sich dort trotz Hunger, Enge und ständiger Bedrohung ein bemerkenswert reges Kulturleben. Unter den zahlreichen inhaftierten Künstlern, Musikern und Intellektuellen nahm Gideon Klein eine herausragende Stellung ein.
Der 1919 geborene Pianist und Komponist galt als außergewöhnliche Begabung. Die deutsche Besetzung der Tschechoslowakei beendete seine vielversprechende Laufbahn jedoch abrupt, und er wurde 1941 nach Theresienstadt deportiert.
Dort wurde er zu einer zentralen Figur der musikalischen „Freizeitgestaltung“. Er organisierte Konzerte, trat als Pianist auf, unterrichtete und komponierte unter schwierigsten Bedingungen weiter. Die Kunst wurde für ihn zu einem Mittel geistiger Selbstbehauptung und der Bewahrung menschlicher Würde.
Das Streichtrio, das er am 7. Oktober 1944 vollendete, zählt zu den bedeutendsten in Theresienstadt entstandenen Kompositionen und blieb sein letztes abgeschlossenes Werk. In allen drei Sätzen greift es auf mährische Volksmusik zurück und verbindet regionale Traditionen mit einer eigenständigen zeitgenössischen Tonsprache. Nur neun Tage nach der Fertigstellung wurde Klein nach Auschwitz deportiert und von dort in das Außenlager Fürstengrube überstellt, wo er trotz schwerster Zwangsarbeit bis zum Kriegsende durchhielt. Nur Stunden vor der Befreiung durch die Rote Armee wurde Gideon Klein von sich zurückziehenden SS-Verbänden ermordet. Er starb am 27. Januar 1945 im Alter von nur 25 Jahren.
Über die Entstehungsgeschichte von Wolfgang Amadeus Mozarts Hornquintett KV 407 ist wenig bekannt. Da Mozart das Werk nicht in sein am 9. Februar 1784 begonnenes, eigenhändiges Werkverzeichnis eingetragen hat, ist eine Entstehung vor diesem Datum wahrscheinlich. Mozart schrieb das Werk, wie alle seine Hornkonzerte, für den österreichischen Hornisten Joseph Ignaz Leitgeb, dessen Bekanntschaft Mozart bereits in Salzburg machte, als dieser dort in der fürsterzbischöflichen Kapelle spielte. Leutgeb, der etwa zur gleichen Zeit wie Mozart von Salzburg nach Wien zog, besserte sein bescheidenes Einkommen als Orchestermusiker auf, indem er in einem Vorort von Wien eine Käsehandlung eröffnete, und Mozarts Vater Leopold, der den Laden als „so groß wie ein Schneckenhaus“ beschrieb, stand ihm bei der Eröffnung seines Geschäfts finanziell sogar zur Seite.
Leutgebs Instrument war noch ein Naturhorn, bei dem der Spieler durch Variieren des Lippendrucks bzw. durch Verändern der Handposition am Schalltrichter des Instruments die unterschiedlichen Tonhöhen erzeugte – das heute übliche Ventilhorn wurde erst im 19. Jahrhundert erfunden. Die Anforderungen, die der Hornpart an den Solisten stellt, bestätigen Leutgebs Ruf als einen Virtuosen ersten Ranges – kein Grund für Mozart, ihn nicht zum Opfer seines weithin bekannten und derben Humors werden zu lassen. So lautete etwa die Widmung des zweiten Hornkonzerts KV 417: „Wolfgang Amadé Mozart hat sich über den Leitgeb, Esel, Ochs und Narr, erbarmt“, und die Manuskripte der Hornkonzerte sind mit Witzen auf Kosten des Musikers übersät, der Mozart seinerseits die spitzzüngigen Kommentare nicht übelgenommen zu haben scheint. Nahezu jeder Takt ist mit Anmerkungen in italienischer Sprache versehen, unter anderem ist da zu lesen: „Na los, Herr Esel, nur Mut!“, „Schnell“, „Los, los“, „Brav“, „Hol Luft!“, „Oh, was für ein Misston“, „Au!“, „Ach je!“, „Bist du fertig? – Dem Himmel sei Dank!“ …
Mozart widmete sich vor allem in seinen späten Wiener Jahren der Gattung des üblicherweise mit zwei Violinen, zwei Violen und Violoncello besetzten Streichquintetts. Von den regulären vier Sätzen weicht Mozart nur bei seinem Hornquintett ab, das dreisätzig ist und auch sonst deutliche Merkmale eines Konzerts aufweist. So übernimmt das Horn häufig eine führende Rolle, stellt Themen vor und dominiert das Ensemble, während eine Violine, zwei Violen und ein Violoncello es begleiten.
In Flensburg, Schleswig und Rendsburg:
Dora Pejačević entstammte einer einflussreichen Familie der kroatischen Aristokratie. Sie erhielt früh eine umfassende musikalische Ausbildung und entwickelte sich in einem Umfeld, das ihr sowohl Bildung als auch kulturelle Offenheit ermöglichte. Ihr Leben war von den gesellschaftlichen Umbrüchen ihrer Zeit geprägt, die sie bewusst reflektierte und in ihre Musik einbezog. Schrittweise formte sich darin eine eigene künstlerische Stimme zwischen Spätromantik und beginnender Moderne. Ihre Werke zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit Ausdruck, Form und Klangfarbe. Zugleich bleibt darin eine Haltung spürbar, die sich nicht auf ihre gesellschaftliche Rolle festlegen ließ, sondern in der Musik einen Raum für Selbstbestimmung und innere Unabhängigkeit fand – geprägt von Entschiedenheit, Zweifeln und einem großen Bedürfnis nach Freiheit.
Ihr Œuvre umfasst 98 Kompositionen, darunter Orchesterwerke, Kammermusik und Lieder, von denen nur ein Teil zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde. Nach ihrem frühen Tod geriet sie lange in Vergessenheit und wird erst seit ihrem 100. Todestag 2023 wieder stärker rezipiert.
Das Klaviertrio op. 29 entstand 1910 und zeigt die außergewöhnliche Reife der erst 25-jährigen Komponistin. Der viersätzige, ungewöhnlich umfangreiche Zyklus entwickelt eine große erzählerische Kraft: Tänzerisch bewegte Passagen wechseln mit lyrischen und teils schwermütigen Abschnitten. Durch den differenzierten und souveränen Umgang mit den drei Instrumenten entsteht ein weit gespannter musikalischer Bogen, der trotz der Länge einen kontinuierlichen musikalischen Fluss und eine durchgehende Spannungsentwicklung bewahrt.
Pejačević gestaltet in diesem Werk melodisches Material mit großer Selbstverständlichkeit und Sicherheit: frei atmend, klar geführt und von ausgeprägter Farbigkeit – vom kammermusikalisch Zarten bis hin zum sinfonisch Gedachten. Dabei wird deutlich, dass sie die Möglichkeiten der Besetzung genau kannte und konsequent auslotete. Schon nach wenigen Takten zeigen sich die geradezu sinfonischen Ausmaße eines Werks, dessen Energie und Ausdruckskraft deutlich machen, dass hier eine ausdrucksvolle Stimme hervortritt, die weit über die Dimension einer klassischen Trioform hinausweist.
In Wesselburen:
Ludwig van Beethovens Serenade op. 8 entstand um 1796/97 und gehört damit in seine frühen Wiener Jahre, in denen er begann, sich nicht nur als virtuoser Pianist, sondern zunehmend auch als Komponist von Rang zu etablieren. Zugleich fiel ihre Entstehung in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen des Musiklebens: Neben höfischen Traditionen gewann die bürgerliche Musikkultur an Bedeutung, und Kammermusik wurde verstärkt in privaten Kreisen gepflegt.
Beethoven konzipierte das Werk für Streichtrio – Violine, Viola und Violoncello – und knüpfte damit an eine im späten 18. Jahrhundert außerordentlich beliebte Gattung an, die sowohl bei professionellen Musikern als auch bei Musikliebhabern großen Anklang fand. Der Begriff „Serenade“ verweist dabei auf den ursprünglichen Charakter dieser Musik. Er leitet sich vom italienischen „sera“ (Abend), von „sereno“ (heiter) sowie von der Wendung „al sereno“ (unter freiem Himmel) ab und bezeichnet eine leichte, meist abendliche Freiluftmusik. Die Wurzeln der Gattung reichen bis in das Italien des 16. Jahrhunderts zurück. Im deutschsprachigen Raum entwickelte sich die Serenade seit dem späten 17. Jahrhundert dann zu einer eigenständigen Form instrumentaler Musik, die uns in unterschiedlichsten Besetzungen – von der Kammermusik bis zum Orchesterwerk – begegnet und zu den vielseitigsten Werktypen ihrer Zeit zählt.
Serenaden umfassen meist drei bis acht Sätze und werden häufig von einem einleitenden und einem abschließenden Marsch eingerahmt. Ihre Blütezeit erlebte sie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nicht zuletzt in den Werken Wolfgang Amadeus Mozarts, dessen „Kleine Nachtmusik“ bis heute als Inbegriff dieser Gattung gilt. Auch in Salzburg und Wien bestand seitens des Adels und gehobenen Bürgertums eine große Nachfrage nach solcher Musik, der auch Beethoven mehrfach nachkam.
Susanne von Tobien
Besetzung
Mit
Termine
11.15 Uhr
19.30 Uhr
19.30 Uhr
11.15 Uhr